Geschichte

„Neben anderem politischen Schwindel“

Nach mündlicher Überlieferung gründeten im September 1861 acht junge Männer den “Turnverein Jahn 1861″. Die Eintragung in das Vereinsregister ließ aber bis zum 1. August 1862 auf sich warten. Turnen war in jener Zeit noch eine anstößige und politisch verdächtige Sache. Kurz nach der Gründung berichtete Herr von Baumbach dem Landratsamt in Rotenburg, “daß sich neben anderem politischen Schwindel dahier auch ein Turnverein gebildet hat, der dienstags und sonnabends Abend im Jungschen Gasthaus Besprechungen pp hält und nicht die vaterländischen Farben, sondern schwarz-roth-gelbe Bänder und Schleifen als Abzeichen trägt”. Bei dem” anderen politischen Schwindel” handelte es sich um den 1856 gegründeten und noch heute bestehenden Gesangsverein und um einen vier Jahre jüngeren, aber nur kurzlebigen Bürgerverein.

Der junge Turnverein ließ sich durch die Missbilligung der Obrigkeit und durch polizeiliche Überwachung nicht beirren. Schon kurz nach der Gründung zählte er 24 Mitglieder, nahm erfolgreich an Wettkämpfen teil und veranstaltete Feste. 1863 teilte der erste Vorsitzende dem Landrat mit “der Verein steht auf einem blühenden Fuße”.

Aus dem Jahre 1869 ist ein weiteres Schreiben erhalten: Sontra, 20. Januar 1869. “Königlichen Herren Landrath wird es wohl bekannt sein, dass der hiesige Turnverein schon vor einem Jahre eine freiwillige Feuerwehr errichtet hat, deren Gerätschaften sämtlich durch eine Lotterie angeschafft wurden, durch die hiesigen Brände alle so ruiniert, dass wir sogar gezwungen waren bei Ausbruch eines Brandes nicht mehr organisiert als Korps zu erscheinen, was auch bei letzten Bränden vorgekommen ist, indem wir die Sachen aus Geldmangel nicht ausbessern konnten, jedoch haben wir die Sachen jetzt wieder in Ordnung, so dass wir als vollständiges Korps wieder dastehen. Schon mehrmals sind wir bei hiesiger Stadt um Unterstützung eingekommmen, alle unsere Gesuche bleiben unbeantwortet, weshalb wissen wir nicht.”

In den 90er Jahren trat das von Anfang an gepflegte Singen immer mehr in den Vordergrund, die geselligen Veranstaltungen nahmen zu, das Turnen wurde vernachlässigt.

Diese Entwicklung missfiel den bewegungsfreudigen jungen Mitgliedern. Sie machten sich selbständig und gründeten am 9. Juli 1897 einen eignen Verein, den Turnverein Jahn. Die älteren bezeichneten ihn nur als Lusejungenverein. Die Konkurrenz hatte zur Folge, dass in beiden Vereinen lebhaft geturnt wurde. Man trug Wettkämpfe mit den Nachbarvereinen des Werragaus aus und der Höhepunkt des Jahres, das Meißnerbergturnfest, wurde regelmäßig von beiden Vereinen besucht.

Der Turnbetrieb

Turnen im vorigen Jahrhundert war eine rein männliche Angelegenheit. Einen großen Raum nahmen militärische Ordnungsübungen ein, Hanteln wurden gestemmt, Barren, Reck und Pferd waren die wichtigsten Geräte. Für die großen Turnfeste hat man auf Lattengerüsten spektakuläre Pyramiden aus Turnern in verschieden Stellungen errichtet.
Die Disziplinen des Meißnerbergturnfestes würden heute Leichtathletik und Rasenkraftsport heißen. Es waren Stabhochsprung, Stabweitsprung, Kugelstoßen (20 Pfund), Steinstoßen, Gewichtheben (75 Pfund beidarmig), Weitsprung und 100 m Lauf.
1922 wurde im jüngeren Turnverein Jahn die erste »Damenabteilung« gegründet. 1931 eine Spielstunde für Mädchen von 8 – 14 Jahren eingerichtet. Der ältere Verein war fortschrittlicher, er schickte bereits 1928 10 – 14jährige Mädchen zu Wettkämpfen. Seine Damenabteilung bestand seit 1921.
Singen und Musik gehörten untrennbar zum Turnbetrieb. Beide Vereine hatten ihre Pfeifer und Trommler, die Älteren verfügten bei Turnfesten über ein eigenes Orchester.

Die Übungsstätten

Der erste Turnboden war der Rathaussaal. Im Raum daneben wurde gesungen und für das Zusammensein nach dem Turnen war der Rathauskeller gleich im Hause. Von 1900 an hielt der ältere Verein seine Turnstunden im neuerbauten Stadtparksaal. Bei gutem Wetter übten beide Vereine auf der Thingstätte.
1910 erwarb der jüngere Verein die T u r n e r w i e s e, ein Grundstück auf der Breitweise. Da eine beträchtliche Hypothek abzuzahlen war, wurde der Platz mehr oder minder zweckentfremdet vermietet. Die Stadt zahlte 100 RM jährlich und hielt dort einen Teil der Schulturnstunden. Hier und da brachte ein Zirkus zusätzliche Einnahmen. Es wurde ein Grundpreis ausgehandelt. Hinterließ der Benutzer die Wiese in tadellosem Zustand, erhielt er 10 RM zurück.
1911 steht im Protokollbuch: „ Auf unserem Turn- und Spielplatz hatten wir Gelegenheit, den neugegründeten Fußballverein spielen zu sehen.“ 1921 stellte dieser, die heutige SG Sontra, den einstimmig angenommenen Antrag, dem »Turnverein Jahn« beizutreten. Eine dazu notwendige Statutenänderung wurde kurzfristig vollzogen und beim Amtsgericht eingetragen. Die Vereinigung scheiterte wohl daran, daß sich Anlieger über das Fußballspielen beschwerten. 1928 zog der »Radverein Flottweg« dort seine Runden, im Winter lagerten gelegentlich Anlieger ihr Bauholz. Die Turnerwiese wurde 1939 verkauft. Vom Erlös machte der mittlerweile alt gewordene »Lusejungenverein« eine Fahrt zum Jahndenkmal nach Freiburg an der Unstrut.

Die Fahnen

Am 20. September 1986 wird die vierte Fahne des Turnvereins Sontra geweiht. Über die erste Fahnenweihe berichtet der Stationskommandant Link an das kurfürstliche Landratsamt Rotenburg am 26. Mai 1863:
„ Der hiesige Turnverein hat gestern sein Fahnen und Turnfest gefeiert, derselbige zog 24 Mann stark mit 13 Turnern aus Rotenburg gegen 3 Uhr nachmittags von dem Marktplatz mit der neuen roth und weißen Fahne ohne Musik durch die Stadt auf den vor der Stadt eingerichteten Turnplatz, wo erst einige Zeit Turnübung gemacht wurde und später Tanzbelustigungen stattfanden. Bei dem Zug durch die Stadt waren aus mehreren Häusern weiß und rothe Fahnen ausgesteckt und aus dem Haus des Kaufmanns Carl Wachs dahier wie eine dergleichen aus dem Haus des Dr. Heine dahier. Die Fahnenträger trugen schwarz roth gelbes Band als Schärpe um die Schulter. Außerdem ist das Fest, welches gegen 4 Uhr morgens endete, in Ordnung vorübergegangen.“
Diese Fahne verblieb bei dem älteren Verein, wurde 1933 vor der Beschlagnahme gerettet und ist heute im Besitz des Chorvereins Sontra. Eine zweite, um 1900 geweihte Fahne wurde im Barytwerk versteckt und blieb nach Kriegsende lang verschwunden. Sie tauchte 1947 wieder auf, als Fremdarbeiter sie als Tischtuch benutzten. Auch sie ist im Besitz des Chorvereins.
Der »Turnverein Jahn« weihte seine Fahne, die einzige dem Turnverein verbliebene, im Jahre 1900.
Beim Festzug der 100 Jahrfeier im Juni 1961 wurden zum ersten und – wegen der Brüchigkeit des alten Fahnentuchs – wohl auch zum letzten Mal alle drei Fahnen durch die Stadt getragen.

Zwischen zwei Kriegen

Der erste Weltkrieg beendete jeden Turnbetrieb, doch nahmen bereits 1919 Wettkämpfer beider Vereine am Meißnerbergturnfest teil.
1923 errichtet der »Turnverein Jahn« aus eigenen Mitteln ein Gefallenenehrenmal auf dem ehemaligen Lindenplatz. Seit 1969 steht es am Eingang zum »Heinrich-Schneider-Stadion«. Der »Turnverein Jahn 1861« trat 1921 zur »Freien Turnerschaft« über und nannte sich »Arbeiter-Turn-und Sportverein«, 1926 schloß er sich mit dem Chorverein zum »Arbeiter-Turn-und Gesangsverein« zusammen. Der »Turnverein Jahn« verstand sich als bürgerliche Gruppierung.
Zur sportlichen Rivalität kam die politische hinzu, was nicht ausschloß, daß man gemeinsam, leider erfolglos, um den Bau einer Turnhalle kämpfte.
Mit der Machtübernahme durch Hitler 1933 wurde der »Arbeiter-Turn- und Gesangsverein« sofort aufgelöst und der gesamte Besitz beschlagnahmt, nur die beiden Fahnen konnten rechtzeitig versteckt werden. Die schriftlichen Unterlagen wurden vernichtet und daher stammen die in dieser Festschrift veröffentlichten Auszüge durchweg aus den Protokollbüchern des jüngeren Vereins. Dieser blieb zwar bestehen, doch wurde der gesamte Nachwuchs in Hitlerjugend und B D M überführt. Die beschlagnahmten Geräte des aufgelösten Vereins hat man dem »Turnverein Jahn« für 100 RM zum Verkauf angeboten. Der Ankauf lohnte nicht mehr, da die Zahl der Benutzer ständig abnahm. 1945 wurde der »Turnverein Jahn« von der Besatzungsmacht verboten.

Die Neugründung

Am 20. Mai 1953 setzten sich interessierte Sportler und ehemalige Mitglieder beider Vereine zusammen und beschlossen den Turnbetrieb unter dem Namen »Turnverein Sontra« g e m e i n s a m wieder aufzunehmen Schon bestehende Turngruppen, die sich im Werratalverein und Volksbildungswerk gebildet hatten, schlossen sich an. Dem neugegründeten Verein standen von Anfang an alle Sportstätten der Stadt zur Verfügung. Durch eine 1933 vollzogene politische Neuordnung gehörte Sontra zum Fulda-Werra-Rhön-Turngau, die Wettkampfstätten lagen im Süden, in Hersfeld, Fulda und 20 Jahre lang fuhr der TV zum Bergturnfest in die Rhön. Die Gebietsform von 1972 führte den Verein in den Werra-Turngau zurück.
Der Übertritt des heute 796 Mitglieder starken TV erfolgte am 1.1.1977. Die Zielsetzung des Vereins ist vor allem Jugend- und Breitenarbeit. Seit Jahren stellt Sontra bei Gaukindertreffen, Gaumehrkampfmeisterschaften und auf dem Hohen Meißner die stärksten Teilnehmergruppen und oft die meisten Sieger. Auch in den anderen Sportarten, die im Verein betrieben werden, konnten gute und bedeutende Platzierungen erreicht werden. Im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern hat der TV Sontra die volle Unterstützung der Stadt, des Kreises und des Landes Hessen, wofür Vorstand und Mitglieder herzlich danken.